
1832, 27. Mai, 8 Uhr: Vom Marktplatz in Neustadt startete der Festzug mit dem Lied „Hinauf, Patrioten, zum Schloss, zum Schloss“. Nach Ankunft hisste das Festkomittee auf der höchsten Zinne die deutsche Fahne mit der Inschrift: „Deutschlands Wiedergeburt“. Diese schwarz-rot-goldene Flagge ist noch heute in der Dauerausstellung auf dem Hambacher Schloss im Original zu besichtigen
Willkommen!
Dieser blog ist allen
Frauen und Männern
gewidmet, die auch in
schweren Zeiten
das Gespräch mit
Andersdenkenden
aufnehmen.
Liebe Leserinnen und Leser, die folgenden Texte wurden nicht von einer Regierung oder einem Unternehmen bezahlt. Doch bekannt ist, dass seit 2018 Bundesministerien und –behörden 1,47 Millionen Euro für Konzeptpapiere oder Medientrainings an 197 Journalisten gezahlt haben. Auch in Rheinland-Pfalz. Aber zu einer Beeinflussung der journalistischen Arbeit und Meinung sei es angeblich durch diese Zahlungen nicht gekommen.
Dazu meint der renommierte Jurist Joachim Steinhöfel in einer BILD- Kolumne: „Diese Gelder sind nichts anderes als Prämien für Hofberichterstattung. So kauft sich die Regierung mit Steuergeld den Applaus wohlgesonnener Organisationen. Unabhängiger Journalistmus ist so zunehmend in Gefahr. Ein Journalist, der vom Staat geschmiert wird, ist alles, aber nicht mehr unabhängig!“

Titelstory „DER SPIEGEL“, (Nr. 45/2019) über echte und gefühlte Grenzen des Sagbaren. Vor sechs Jahren behandelte das Magazin das Thema „Meinungs-un-freiheit“ noch liberal. Wahr ist aber auch: Der SPIEGEL-Reporter Claas Relotius veröffentlichte im SPIEGEL rund 60 gefälschte Artikel. Magazin-Mitarbeiter Juan Moreno deckte den Skandal auf, schrieb das Buch darüber: „Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus“. Der Medienskandal wurde verfilmt.
Wenn Journalisten politische Aktivisten und Gesinnungspolizisten sind. Warum das Hambacher „Demokratieforum“ kein wahres Forum ist
Dürfte der Hambach-Patriot Siebenpfeiffer heute noch mitdiskutieren?

Peter Hain, Journalist/Buchautor, Blogger, parteilos
Antidemokratisch, rechtsextrem, rassistisch: So der böse, beleidigende Vorwurf an Millionen Bürger, die rechts wählen.
Kürzlich diskutierten Medien-Experten auf dem sogenannten „Demokratieforum“ im Hambacher Schloss über diese gesellschaftlich-politischen Probleme. Thema: „Demokratie & Journalismus: Verantwortung in Zeiten des Wandels“. Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von Michel Friedmann. Der deutsch-französische Publizist fordert ein AfD-Verbot, kündigte aber auch seine CDU-Mitgliedschaft. Seine Gäste: Peter Müller, ehemaliger Richter am Bundesverfassungsgericht, Carsten Knop, Mit-Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ sowie Anette Dowideit, Chefredakteurin des investigativen Medienhauses „Correctiv“.
Das per mail angemeldete Publikum konnte leider nicht mitdiskutieren. Moderator Friedmann demonstrierte Meinungshoheit, dirigierte das Frage- und Antwortspiel. Friedmann, wie immer eloquent und selbstgerecht. Aber war das noch ein Forum nach historischem Vorbild? Ich meine, das war keine wahrhaftige demokratische Plattform für eine liberale, offene Debatte. Denn Demokratie braucht viel Raum für Streit! Das ursprüngliche Forum Romanum war ein Zentrum des politisch-kulturellen Lebens, ein Versammlungsplatz und zugleich Gerichtsstätte des Volkes. Jeder durfte mitreden. Pro und contra.
Bei Friedmanns „Demokratieforum“ war das nicht der Fall. Dürfte der Journalist Dr. Philipp Jakob Siebenpfeiffer, 1832 Mitorganisator des Hambacher Nationalfestes, da noch heute mitdiskutieren? Unangemeldet und sehr kritisch? Den Begriff Demokratie hat der bekennende Patriot Siebenpfeiffer nie erwähnt. Zum Forum-Thema hätte er bestimmt viel zu sagen. Forum heißt ja auch: Personenkreis für eine wirklich sachverständige Problem-Diskussion. Doch das Thema „Journalismus in der heutigen Zeit“ wurde verfehlt. Bei Michel Friedmann drehte sich wieder fast alles um die Rechtspartei. Es ging auch um den sogenannten „Haltungs-Journalismus“ – also wenn Medienleute politischen Aktivisten sind. Ja, man kritisiert viele Zeitungsjournalisten auch als „Gesinnungspolizisten“.
So hieß es auf dem Forum, Zeitungen müssen in der Berichterstattung nicht neutral sein. Sie stehen heute unter enormem Druck, ökonomisch, gesellschaftlich und politisch (Knop). Und Müller erinnerte: Es gibt für alle Parteien, auch die AfD, einen Anspruch auf Gleichbehandlung bei der medialen Diskussion. Dowideit warb dafür, nicht immer sofort auf die AfD-Themen aufzuspringen, sondern diese zu ignorieren. Ihr Rechercheteam „Correctiv“ deckte ein Treffen rechtsextremer Kräfte in Potsdam auf. Trotzdem steht die Rechtspartei bei der Sonntagsfrage aktuell bei 26 Prozent, genauso viel wie die CDU.
Fakt ist, das Misstrauen der Menschen gegenüber der Demokratie wächst. Das zeigt die aktuelle Studie „Die angespannte Mitte“ der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. „Das Vertrauen in Institutionen und die Umsetzung demokratischer Prinzipien schwindet drastisch“, so die Bilanz. Ein Viertel der Befragten meinte auch: Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert. In der Altersgruppe der 18- bis 34-Jährigen war das rechtsextreme Weltbild zudem deutlich verbreitet. Allerdings empfinden 70 Prozent der Bevölkerung laut der Studie einen zunehmenden Rechtsextremismus als Bedrohung. Das beweist einmal mehr: Demokratie braucht Raum für Streit!
Wahrhaftige Demokratie ist ein Lernprozess
Demokratieforum Hambacher Schloss,
3. Dezember 2025, 19 Uhr
„Widerspruch erwünscht! Schülerinnen und Schüler diskutieren Demokratie“
Engagierte Jugendliche sprechen mit Michel Friedmann über zentrale Themen unserer Zeit: Demokratie, Menschenwürde, Rassismus, Streitkultur, Teilhabe und Social Media. Eine offene Diskussion für alle Generationen. Da darf man gespannt sein. Endlich ein wahres Forum? Ein ewiger Lernprozess …
Anmeldung per mail: demokratieforum@hambacher-schloss.de

Wolfgang Bittners neues Buch „Geopolitik im Überblick“. Verlag Hintergrund, Wissen Kompakt, Klappenbroschur, 144 Seiten, 14,80 €, ISBN 978-3910568235
Kurz-Rezension
Das neue Buch von Wolfgang Bittner
Er ist einer der wenigen deutschen Schriftsteller, die offen schreiben, was sie bewegt, was Sache ist. Themen: Geschichtsfälschungen, Deutschland vor dem Ruin, Einschränkungen der Bürgerrechte, Propaganda und Hetze in Politik und Medien.
Geopolitik im Überblick
Deutschland – USA – EU – Russland
Vortrag von Wolfgang Bittner im Berliner Sprechsaal zu seinem neuen Buch
Deutschland soll kriegstüchtig werden, und die Berliner Regierung hat astronomische Ausgaben für die Aufrüstung bereitgestellt. Denn angeblich will Russland nach der Ukraine Westeuropa erobern, obwohl es dafür keinerlei Belege gibt und Putin solche Absichten niemals geäußert hat. Trotzdem wird in einem Maße hochgerüstet, dass inzwischen ein dritter Weltkrieg nicht mehr auszuschließen ist. Was aber zur gegenwärtigen prekären Lage geführt hat, scheint weder die Politik noch die meisten Medien zu interessieren. Hat Russland durch den Einmarsch in die Ukraine tatsächlich die „friedliche europäische Sicherheitsarchitektur“ zerstört? Gab es nicht eine Vorgeschichte, die schlicht verschwiegen wird? Der Schriftsteller und Publizist Wolfgang Bittner stellt in diesem Zusammenhang sein aktuelles Buch vor. https://www.youtube.com/watch?v=1DKsf1pg2MY
Aktueller Tip
zum Thema
Die kritische website NachDenkSeiten veröffentlichte Wolfgang Bittners Artikel „Die Schwarze Erde der Ukraine und die verschwiegene Realtität in einem ruinierten Land“ https://www.nachdenkseiten.de/?p=139547
Der promovierte Jurist Wolfgang Bittner erhielt mehrere Preise und Auszeichnungen und ist Mitglied im PEN. Bittner gilt als einer der mutigsten Schriftsteller Deutschlands, veröffentlichte über 80 Bücher („Der neue Ost-West-Konflikt. Inszenierung einer Krise“ oder „Deutschland – verraten und verkauft“)
„Nichts ist schwerer
und nichts erfordert mehr Charakter,
als sich in offenem Gegensatz
zu seiner Zeit zu befinden
und laut zu sagen: Nein“
Kurt Tucholsky

Mutiges Gedicht von Uwe Steimle, deutscher Kabarettist und Schauspieler, Jahrgang 1963, geboren in Dresden. Sein Buch „Mit Geduld und Spucke“, Faber & Faber, 144 Seiten, 22,70 Euro
Böse Worte
Sie durchwühlen die Archive,
streichen hier, markieren dort
argwöhnisch wie Detektive
böse Worte müssen fort.
Denn sie fürchten, dass versteckt ist
In des Worts vertrautem Klang,
was politisch nicht korrekt ist,
freies Denken ohne Zwang.
Bücher werden umgeschrieben
Heute ist Pippi Langstrumpf dran
Morgen suchen sie bei Goethe,
was man dort verbieten kann.
Ob bei Schiller oder Hegel,
ob bei Heine oder Kant,
sicher findet sich ein Flegel,
der ein böses Wort verbannt.
Ja, sie würden, wenn sie könnten,
auch die Bibel revidieren,
oder wenigstens verbieten,
daraus weiter zu zitieren.
Selbsternannte Tugendwächter
maßen sich ein Urteil an,
das man nur noch mit Gelächter
und mit Spott quittieren kann
Lasst euch nicht den Mund verbieten.
Leute redet, wie ihr wollt,
auch wenn hochbezahlte Nieten
meinen, dass ihr das nicht sollt.
Uwe Steimle

„Streiten“, Dr. Svenja Flaßpöhler, Philosophin. Hanser, 128 S., 20 Euro, ISBN: 978-3446280045, hanser-literaturverlage.de
„Streit und Auseinandersetzung sind das Lebenselixier der Freiheit, der Demokratie“
Svenja Flaßpöhler hat ein kluges Buch zum Thema „Streiten“ geschrieben. In ihrem Werk widmet sich die Philosophin und Journalistin dem Thema Streit auf drei Ebenen: „Einer autobiographischen, einer philosophischen, einer politisch-gesellschaftlichen.“ Ihr Credo: „Ich streite, also bin ich.“ Die Chefredakteurin des Philosophie-Magazins: „Ein Streit ist nie harmlos, nie frei von Herrschaft. Der Abgrund der Vernichtung ist immer da.“ Unfassbar, dass man dieser mutigen Frau vorwirft, sie sei ein „AfD-Maulwurf“. Nur weil sie dafür plädiert, auch mit Andersdenkenden zu debattieren.
„Streit und Auseinandersetzung sind das Lebenselixier der Freiheit, der Demokratie. Indem ich streite, mich mit seinen Argumenten auseinandersetze, nehme ich den anderen ernst“, sagt der Journalist Roger Köppel in der Weltwoche. In dieser Überzeugung wird sich auch Svenja Flaßpöhler wiederfinden: „Zu streiten heißt, ein Gegenüber nicht kalt als Feind abzustempeln, sondern die Mühen der Argumentation auf sich zu nehmen. Und Demokratie ist nichts wert, wenn nur die Meinung der eigenen Community zählt.“ Ein flammendes Plädoyer für Ehrlichkeit, Mut und die Liebe des Ringens um Wahrheit.

Ausgabe Oktober/November 2025, 9,50 Euro
Lese-Tipp
„Der Außenseiter ist ein ständiges Rätsel„
Nonkonformisten können die Allgemeinheit vor Fehlern bewahren. Aber dafür braucht es mehr als bloßes Neinsagen
Die Titelstory des neuen „philosophie Magazin“ heißt: „Zur Freiheit des Nonkonformismus – Muss ich da mitmachen?“ „Der Nonkonformist, also der Außenseiter, ist ein ständiges Rätsel“, sagt der Philosoph Ralf Konersmann (aktuelles Buch: „Außenseiter. Ein Essay“, Verlag S. Fischer). „Menschen, die ein nonkonformistisches Leben führen, verstören die moderne Gesellschaft“, schreibt Konersmann. Er ergründet, welche Funktion diese Einzelnen für die Allgemeinheit haben. Und philosophie-Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler schreibt im Editorial: „Nonkonformismus ist etwas anderes als ein pubertär erhobener Mittelfinger. Und weit mehr als nur ein Gefühl. Nonkonformes Verhalten braucht Gründe – die aber gerade nicht in der Mehrheitsmeinung zu finden sind. Der Nonkonformist bedient sich – jetzt und hier – des eigenen Verstandes, ohne Leitung eines anderen. Genau darin liegt seine Freiheit.“
Fiktion und Wahrheit
Gespräch mit
Dr. Philipp Jakob Siebenpfeiffer,
dem Hambacher Patrioten
„Die heutigen Zustände erinnern mich an 1832!“

Philipp Jakob Siebenpfeiffer, Ölporträt von Hermann Th. Juncker im Homburger Siebenpfeifferhaus
Versonnen schaute der Mann hinauf zum Hambacher Schloss mit der modernen Fassade. „Damals war das noch eine Ruine, die Keschdeburg hieß“, sagte er, als wir uns vor einigen Wochen begegneten. Der Mann kam mir sofort bekannt vor: blitzende Augen, Gehrock, zylinderartiger Hut. „Herr Dr. Siebenpfeiffer?“. Er nickte: „Ja!“. Fiktion und Wahrheit: Der Journalist, Verleger und Landrat Siebenpfeiffer war an den Ort bei Neustadt an der Weinstraße zurückgekehrt, an dem er 1832 die erste deutsche Großdemonstration leitete. Im Gespräch sah er viele aktuelle Parallelen zu seiner Zeit.
Herr Dr. Siebenpfeiffer, woher kommen Sie?
Siebenpfeiffer: Ich bin aus der Anderswelt zurückgekehrt, wo Seele und Geist ewig weiterleben. Und manchmal kann man seine ursprüngliche Gestalt wieder annehmen, kurz auf die Erde zurückkommen.
Was treibt Sie zum Hambacher Schloss?
Siebenpfeiffer: Die Neugierde, was daraus geworden ist, wie das Hambacher Fest heute beurteilt und gefeiert wird. Ich höre wieder von Demonstrationen und Verboten. Doch vor allem treibt mich die Sorge um Deutschland.
Aber heute ist alles besser, kein Vergleich zu Ihrer Zeit?
Siebenpfeiffer: Wirklich? Die heutigen Zustände erinnern mich an 1832. Freunde berichteten, dass es in Deutschland unfassbar reiche Leute gibt, die nach Gutdünken wieder wie Fürsten das Sagen haben. Um die Meinungsfreiheit wird wieder gerungen. Es gibt Alters- und Kinderarmut, auch Suppenküchen und viele Obdachlose. Die Wirtschaft lahmt, der Mittelstand stöhnt. Ich hörte auch von viel Gewalt und Kriminalität. Und in Europa tobt ein großer Krieg. Das erinnert mich an die Not in meiner Zeit. Das führte damals zu einer Revolution. Wiederholt sich die Geschichte?
Auch die Meinungs- und Pressefreiheit ist bei uns heute eingeschränkt, Verhältnisse, wie zu Ihrer Zeit?
Siebenpfeiffer: Ja, ich kann nur mein Bekenntnis von Hambach original wiederholen: Die Presse muß nothwendig frei sein, denn sie ist die Stimme aller, ihr Schweigen ist der Tod der Freiheit, jede Tyrannei, welche eine Idee morden will, beginnt damit, daß sie die Presse knebelt.
Welche Partei würden Sie wählen, wenn Sie heute im wahren Leben ständen?
Siebenpfeiffer: Ich weiß zu wenig über die deutschen Politiker. Doch ich meine, dass es zu viele Parteien gibt. Da wird nur noch verwaltet, wenig gestaltet. Und es ist zuviel Lobbyismus im Spiel, auch Eigennutz. Eine wählbare Partei muss bürgernah sein und sozial, es müssen universelle, auch christliche Werte vermittelt werden. Und vor allem Gerechtigkeit.
Der 26. Mai 1832 war der Gedenktag der Bayerischen Verfassung, der im Königreich gefeiert werden sollte. Am 18. April erschien in der Speyerer Zeitung ein anonymer Artikel mit dem Vorschlag, dieses Konstitutionsfest auf dem Hambacher Schloss zu begehen. Von Ihnen?
Siebenpfeiffer: Ja, es war meine Idee. Ein Freund von mir machte den Vorschlag in der Zeitung. Und die Neustadter Bürger erließen einen von mir verfassten Aufruf: „Der Deutsche Mai“, in dem stand, es sei kein Anlass vorhanden, hier etwas Errungenes zu feiern. Vielmehr sollte in Hambach ein Fest der Hoffnung begangen werden, ein Kampf für die gesetzliche Freiheit und deutsche Nationalwürde. Und dafür schlugen wir den 27. Mai auf dem Hambacher Schloss vor.
Sie hatten damals alles sehr gut organisiert. Heute würde man sagen, bestens vernetzt.
Siebenpfeiffer: In der Tat. Bei meiner Arbeit als Beamter hatte ich viele Kontakte in der Saarpfalz, eigentlich in ganz Deutschland. Meine Freunde und Unterstützer waren heimlich als Boten unterwegs, warben für unsere Sache.
Aber Hambach war doch viel mehr als ein „Fest“?
Siebenpfeiffer: Richtig, es war eine große politische Bewegung, ein Aufstand friedliebender Bürger. Mit dem Titel „Fest“ wollten wir ja die Obrigkeit nur in Sicherheit wiegen. Es gab damals zahlreiche Festbankette, die von der demokratischen Bewegung gefeiert wurden. Nur unter dem Deckmantel der Geselligkeit konnte man sich damals politisch artikulieren und organisieren.
Danach gab es 1848/49 eine Revolution. Die Deutschen erhoben sich von Berlin bis Wien, um für ein geeintes Vaterland und eine Verfassung zu kämpfen. Der Versuch misslang. Historiker meinen, dass diese Revolution scheiterte. Tatsächlich?
Siebenpfeiffer: Nein, diese Revolution ist nicht gescheitert, sondern nur militärisch niedergeschlagen worden. Aber in den Herzen und in den Köpfen hat sie gesiegt. Es gab zwar Enttäuschungen, doch überwogen die Hoffnungen auf einen neuen Aufbruch in einem geeinten Deutschland.
Könnte es auch heute in Deutschland eine Revolution geben?
Siebenpfeiffer: Durchaus, ich sehe bei uns eine spontane Erhebung, wenn sich die Zustände in Deutschland nicht erheblich verbessern. Doch gewaltlos und nach demokratischen Regeln. Also ein friedlicher und verzweifelter Aufstand der enttäuschten Bürger. Es geht dabei auch um ein Überleben als Nation, eine Verteidigung unserer Kultur und Sprache.
Ihre letzte Ruhestätte in der Schweiz existiert nicht mehr, der Friedhof bei der Bümblizer Kirche wurde 1885 aufgehoben.
Siebenpfeiffer: Gräber sind für mich nicht wichtig, die sterbliche Hülle ist nur Staub, und die Seele fliegt irgendwo anders hin. Und vielleicht gibt es auch eine Wiedergeburt …
Haben Sie noch eine Botschaft für uns?
Siebenpfeiffer: Nehmt Euch die Hambacher Patrioten als Vorbild, die für die Freiheitsrechte kämpften, gegen alle Widersacher und unter Einsatz ihres Lebens! Am wichtigsten: Lasst alle Frauen und Männer mitreden und streiten!
Noch eine Frage, Herr Dr. Siebenpfeiffer: Ihnen und den Hambachern wird die Forderung nach Demokratie unterlegt, Ihr damaliges Fest feiert man heute als „Wiege der deutschen Demokratie“. Sehen Sie das auch so?
Siebenpfeiffer: Niemand hat damals von Demokratie geredet, ich habe das Wort in meinen Schriften und Reden nie erwähnt. Doch wir setzten uns für typisch liberale Werte ein: Freiheit, Bildung, Glaubensfreiheit, politische Rechte und Heimat. Erst durch die Veröffentlichung der deutschen Fassung der Schrift von Alexis de Tocqueville „Über die Demokatie in Amerika“ etwa ab 1840 wurde der politische Begriff Demokratie verbreitet.
Herr Dr. Siebenpfeiffer, wir danken Ihnen für das ausführliche Gespräch. Kommen Sie bald wieder, wir brauchen Sie dringend!
Info zum Hambacher Schloss
Hambacher Schloss 1832
67434 Neustadt an der Weinstraße
info@hambacher-schloss.de
www.hambacher-schloss.de
Die „Stiftung Hambacher Schloss“ hat die Aufgabe, das Hambacher Schloss als bedeutende historische Stätte für die Entwicklung der Demokratie in Deutschland und die europäische Zusammenarbeit zu erhalten und zu pflegen. Zudem gibt es viele Veranstaltungen, politische Foren und ein Restaurant.
Hambacher Schloss eine „pfälzische Akropolis“?
Jetzt wurde das Schloss von der Landesregierung zum „Ort der Demokratiebewegung“ ernannt. Das Schloss als eine Art „pfälzische Akropolis“. Und die Stadt Neustadt bezeichnet sich selbst als „Demokratiestadt“. Die Dauerausstellung im Schloss wurde für ca. 460.000 Euro neu gestaltet. Und es gab noch einmal fast
1 Mio. Euro für Schloss und Demokratieförderung. Schon vorher hieß es in großen Zeitungsanzeigen: „Auf dem Hambacher Schloss wurde die deutsche Demokratie erfunden.“ In der Tat eine Erfindung. Aber Hambach war eine Station auf dem Weg zur Demokratie.
